Noch vor zehn Jahren war es das Wunschdenken mancher Umweltschützer, andererseits
die Sorge vieler Veranstalter und Fahrer, das Ende aller Rallyefahrerei vor sich zu sehen.
Doch das Gegenteil ist eingetreten. Rallyes haben einen neuen Aufschwung bekommen,
und das, was bei Rennen häufig vermisst wird, ist eingetreten die großen Firmen
sind wieder dabei. Es vergeht kaum ein Weltmeisterschaftslauf, bei dem nicht die
Profi- Werksteams von Ford und Subaru, Mitsubishi und, Peugeot,Citroen und Hyundai
sowie Skoda vertreten sind, um nur einige zu nennen. Heute gehören Rallyes neben
dem Rennsport wieder zu den beiden großen Disziplinen des Automobilsports.
Allerdings hat man im Rallyesport auch Konzessionen machen müssen.
Klassische Veranstaltungen wie die Internationale Alpenfahrt konnten einfach
nicht mehr während der Urlaubszeit in den von Touristen überfluteten Seealpen
durchgeführt werden, ohne diese zu gefährden. Für große über vier Tage und Nächte
nonstop gehende Dauerprüfungen wie Lüttich-Rom-Lüttich war kein Platz mehr im
internationalen Kalender. Während früher "Rallye" ein Begriff war, unter dem
sich jeder etwas anderes vorstellen konnte, gibt es seit einigen Jahren eine
Arbeitsgruppe Rallyes, in der Veranstalter, Konstrukteure und Fahrer
ein straffes, für alle Veranstaltungen mit einem FIA-Prädikat gültiges Reglement
erstellt haben, das bis in das Detail erfüllt werden muß.
So alt wie das Wort -ich glaube, es wurde zum erstenmal 1911 bei der
Rallye Monte Carlo benutzt- ist auch der Streit, ob es der, die oder das Rallye heißt,
ob man Rally oder Rallye schreibt, und schließlich über die Aussprache, wobei
besonders wir Deutschen nicht vor "Rälli", "Rallje" oder ähnlichen Verunstaltungen
zurückschrecken. Auch dieser Streit ist inzwischen ausgestanden und das Femininum
wohl allseitig akzeptiert. Die Engländer kämpfen noch um "The Rally"; weltweit
aber sind die Franzosen mit "Le Rallye" Sieger geblieben, wie auch die Titel der
meisten Großveranstaltungen beweisen. Nur für den Plural bleibt es der jeweiligen
anglo- oder francophilen Einstellung überlassen, ob man nun die Rallyes oder die
Rallys schreibt und vorn oder hinten betont.
Die eigentliche Bedeutung des Wortes -und zwar sowohl des englischen "rally"
oder französischen "rallier" - ist die gleiche und bedeutet in etwa
"sich treffen, sich wieder vereinigen". Diesem Wortsinn wurde die Monte Carlo-Ausschreibung
auch voll gerecht; denn 1911 wie 1978 startete die Rallye von verschiedenen
'Startorten in verschiedene Länder Europas (früher möglichst an der Peripherie)
und kam dann wieder zusammen.
Ziel war Monaco; damals galt als größtes sportliches Problem der Rallye,
dieses überhaupt zu erreichen. Starts in Athen, Tallin oder Stavanger stellten
die Teilnehmer in Hinsicht auf verschneite ungebahnte Landstraßen und auf die
spartanische Ausrüstung -das Fehlen von Winterreifen, schwache Beleuchtung, ein
Katalythöfchen als einzige Wärmequelle, häufig offene Autos- vor so schwierige
Aufgaben, daß allein das Ankommen ein großer Erfolg war und die Sieger auf den
Landstraßen ermittelt wurden.
Mit den sich bessernden Verhältnissen mußte eine Entscheidungsmöglichkeit
gefunden werden für die Teilnehmer, welche mit gleicher Punktzahl in Monaco ankamen.
So wurde eine oft alles entscheidende Schlussprüfung eingeführt, die in einem
Jahr in einer Brems- und Beschleunigungsprüfung auf dem Hafenkai bestand, in einem
anderen Jahr aus einem Bergrennen nach dem traditionellen Dörfchen La Turbie
oberhalb Monacos und in wieder einem anderen Jahr aus einem kurzen Rennen auf
der berühmten Grand Prix- Strecke in der Stadt selbst. Heute dagegen ist es weder
für den Handelsreisenden noch für den Touristen oder gar für den Sportler ein Problem,
auch mitten im Winter von einer Hauptstadt Europas zur anderen zu fahren.
Autobahnen, Salzstreuer, Schneepflüge machen die Reise leicht, und es kommt nur
selten zu Schwierigkeiten. Infolgedessen haben die bei der Monte noch
vorhandenen unterschiedlichen Startorte mehr symbolhaften Charakter.
So treffen sich alle Routen nach relativ kurzer Entfernung auf einen gemeinsamen
Punkt im Herzen Europas, von wo die Fahrt gemeinsam und unter -theoretisch-
gleichen Bedingungen für alle fortgesetzt wird.
Die Entscheidungen fallen dann -und das ist das Kriterium fast aller modernen
Rallyes- auf Sonderprüfungen. Das sind Sprintstrecken, also praktisch reine Rennen,
wo die Zeit mit der elektronischen Zeitnahme auf hundertstel Sekunden genau gemessen wird.
Für Beginn und Ende, für den Zeitnahmepunkt und die Stelle, wo der Fahrer zwecks
Eintragung ins Bordbuch anzuhalten hat, gibt es Anzeigetafeln, deren Größe,
Form und Farbe genau festgelegt sind.
So weiß auch ein Finne in Griechenland bei der Rallye Acropolis oder ein
sprachunkundiger Brite bei der Rallye Portugal genau wie zu Hause, wann er Vollgas
geben muß und wann zu stoppen ist.
Abgesehen von diesen Sonderprüfungen sind die anderen Etappen zeitlich so reichlich
bemessen, daß sie -von Extremfällen wieder einmal abgesehen- von den Teilnehmern
ohne Schwierigkeiten und vor allem ohne jede Überschreitung der Straßenverkehrsvorschriften
erreicht werden können. Die Strafen für die Überschreitung solcher Vorschriften
sind unterschiedlich und variieren zwischen einer erheblichen Geldstrafe,
einer deutlichen Strafpunktbelastung oder gar dem Ausschluß aus der Wertung.
Bei skandinavischen Rallyes sind schon in Führung liegende Spitzenfahrer aus der
Veranstaltung genommen worden, weil ein Radargerät in einem verschlafenen Dörfchen
sie des Nachts mit 53 statt mit 50 km/h gemessen hat. Auch hier sind die Reglementsschreiber
stets dabei, einheitliche Maßstäbe für alle Veranstaltungen festzusetzen.
Man weiß nämlich, daß Rallyes im übervölkerten Zentraleuropa nur dann eine
Überlebenschance haben, wenn Polizei und Umwelt mit und nicht gegen sie arbeiten.
Wenn man auch durch Trainingsverbot auf vielen Strecken, durch Ausweichen auf
Truppenübungsplätze und in Gegenden und Jahreszeiten, in denen der Tourismus möglichst
wenig gestört wird, alles versucht, um die Rallyes in unseren Verkehrsablauf
zu integrieren, so bleibt doch die Tatsache, daß sich der große Rallyesport
um Weltmeisterschaftsehren mehr und mehr an Europas Randgebiete oder auf andere
Kontinente verlagert hat. Enorme Veranstalterkosten durch Auflagen von
Versicherungen, Umleitungen, Absperrungen etc.
haben dazu geführt, daß in den
klassischen Rallyeländern wie Frankreich, Schweiz, Österreich oder den Benelux heute
kein Weltmeisterschaftslauf mehr stattfindet. Lediglich in Deutschland besteht für das Jahr 2002 eine gute Chance wieder einen WM-Lauf in´s Land zu holen.
Dabei ist das Publikumsinteresse heute so groß wie nie. Um nur ein Beispiel
zu nennen: Die Rallye von Großbritannien bringt viele Hunderttausende und damit
ein Vielfaches der Zuschauer vom British Grand Prix zu den Sonderprüfungen in die Wälder.
Allerdings treffen die obigen für Weltmeisterschaftsrallyes gemachten Einschränkungen
nur für diese selbst zu. Ansonsten ist es nach wie vor eines der größten Probleme
beim Erstellen des internationalen Veranstaltungskalenders, alle zahlreichen
Wünsche bei den wenigen zur Verfügung stehenden Wochenenden zu berücksichtigen.
Allein 10 internationale Rallyes mit dem grössten Koeffizienten von 20 bilden
die Basis für den Kampf um den Titel des Europameisters, und Dutzende von Bewerbern
müssen immer wieder abgelehnt werden bzw. sich mit einem niedrigerem Koeffizienten
zufrieden geben.
Insgesamt sieht der internationale Kalender eine Zahl von 228 Rallyes vor;
in Deutschland haben wir 32 Internationale und 126 Nationale auf dem Programm.
Allein von der Zahl der Veranstaltungen her kann ein passionierter Rallyefahrer
fast an jedem Wochenende starten -vorausgesetzt, daß seine Zeit und sein Geldbeutel es ihm erlauben.
Wieweit dieser Geldbeutel beim Rallyefahren strapaziert wird, hängt natürlich
wesentlich davon ab, mit welchem Fahrzeug in welcher Gruppe man wo an den Start
gehen will. Der Unterschied, ob jemand mit seinem Alltagsauto und den technisch
einfachen und finanziell verkraftbaren Änderungen der Gruppe G zu einer
nationalen Rallye in der Nachbarschaft fährt oder ob er mit einem aufwendigen
World Rallye Car zum Start der Safari nach Nairobi fliegen muß,
liegt auf der Hand.
Befriedigung und sportliche Erfüllung hängen nicht von der Größe der Veranstaltung
oder vom Preis und von der PS-Zahl des Wagens ab, sondern allein von der
inneren Einstellung und dem Einsatz. Die Freude am Erfolg ist für den einen mit
der Erringung der Bronzemedaille bei einer Veranstaltung "rund um den Kirchturm"
vielleicht größer als ein vorderer Platz bei der Marokko-Rallye für den anderen.
Quellen: Die großen Rallyestars (Claus-Peter Andorka); Die Tricks der Rallye-Profis (Klaus Buhlmann);
Taschenbuch "Automobilsport" (Fritz Huschke von Hanstein); www.rallye1.de